
Schritt für Schritt zur Datenbasis – das BMW Forschungsfahrzeug der Hochschule Mittweida wird modular umgebaut und nach jeder Änderung messtechnisch analysiert. (Bildquelle: Matthias Vodel)
Ein Fahrzeug, das sich in definierten Schritten verändern lässt und dessen Zustand nach jedem Schritt messtechnisch dokumentiert wird: Diesem Ansatz folgt die Hochschule Mittweida mit ihrem einem Ihrer Forschungsfahrzeuge. Im Rahmen der Nachwuchsforschergruppe Mobility for Saxony (MofoSa) wird das ein BMW M2 schrittweise und modular mit geänderten Bauteilen ausgestattet. Ziel ist es, die Wirkung einzelner technischer Eingriffe nicht nur qualitativ zu beschreiben, sondern reproduzierbar zu erfassen und in den Kontext realer Nutzungsprofile zu stellen.
Ein Fahrzeug, viele Konfigurationen
Methodisch entscheidend ist die Modularität. Statt eines einmaligen Gesamtumbaus wird jeweils ein Bauteilbereich verändert, während die übrigen Parameter konstant bleiben. Vor jeder Änderung wird ein Referenzzustand erhoben, nach jeder Änderung ein identisches Messprogramm gefahren. So lassen sich Effekte einzelnen Eingriffen zuordnen, statt sie in einem Gesamtergebnis zu vermischen.
Erfasst werden dabei neben klassischen Fahrdaten auf Fahrwerksdaten, Betriebs- und Temperaturkennwerte sowie Innen- und Außenschallpegel. Die Daten fließen in dieselbe Verarbeitungspipeline, die im Projekt für den Aufbau des sächsischen Mobilitätsdatensatzes entwickelt wird, und lassen sich über digitale Zwillinge in die Simulationsplattformen des Living Labs „Motion Simulation und Softwareentwicklung“ überführen.
„Der Reiz liegt darin, dass wir dasselbe Fahrzeug über einen längeren Zeitraum in vielen definierten Zuständen beobachten“, erklärt Prof. Dr.-Ing. habil.Matthias Vodel. „Das ist etwas anderes, als zwei unterschiedliche Fahrzeuge zu vergleichen. Wir sehen die Wirkung eines einzelnen Bauteils – und können anschließend prüfen, ob sich diese Wirkung im subjektiven Erleben und im tatsächlichen Nutzungsverhalten überhaupt wiederfindet.“
Vier Wirkdimensionen – und ihr Bezug zum Mobilitätsprofil
Die Bewertung der Änderungen erfolgt entlang von mehrerer Dimensionen, die im Alltag eng miteinander verschränkt sind:
- Fahrkomfort – Schwingungs- und Aufbaubewegungen, Federungs-Charakteristik, Langstreckentauglichkeit und die daraus resultierende Bereitschaft, das Fahrzeug für längere oder alltägliche Wege zu nutzen
- Fahrdynamik – Ansprechverhalten, Traktion, Bremsleistung und Stabilität sowie deren Reserven unter wiederholter Belastung
- Akustik – Innenraum- und Außengeräusch, Klangcharakteristik und Sprachverständlichkeit; ein Faktor, der die wahrgenommene Fahrzeugqualität stark prägt und zugleich regulatorisch relevant ist
- Visuelles Erscheinungsbild – Wirkung von Anbauteilen und Farbgebung auf Wahrnehmung, Akzeptanz und Zuschreibung durch andere Verkehrsteilnehmende
Der Bezug zum übergeordneten Projektziel ergibt sich aus der Rückkopplung – Technische Änderungen verschieben das Einsatzspektrum eines Fahrzeugs. Ein Eingriff, der die Fahrdynamik verbessert, kann die Alltagstauglichkeit einschränken – und damit messbar verändern, wie oft, wie weit und zu welchem Zweck ein Fahrzeug bewegt wird. Genau diese Verschiebung von Mobilitätsprofilen soll im Projekt quantifiziert werden.
Forschung und Entwicklung gemeinsam mit der Industrie
Die Arbeiten sind als kooperative Forschungs- und Entwicklungstätigkeit angelegt. Bauteile werden nicht nur verbaut, sondern gemeinsam mit den Herstellern bewertet, erprobt und weiterentwickelt. Konkrete Aktivitäten bestehen mit den Zubehör- und Komponentenspezialisten von 55Parts und Versus Performance. Auf wissenschaftlicher Seite besteht ein fachlicher Austausch auch über die sächsischen Grenzen hinaus – zusammen mit der RWTH Aachen können, speziell mit Blick auf Reifenmodelle und Reifencharakteristik, Methodiken und Messkonzepte an etablierten Standards der Fahrzeugtechnik gespiegelt werden.
Für die beteiligten Partner entsteht damit ein Zugang zu strukturierten, hochschulseitig erhobenen Messdaten; für die Hochschule ein anwendungsnaher Bezug zu realen Entwicklungsfragen und ein direkter Transferkanal in die Praxis. Studierende sind über Projekt- und Abschlussarbeiten eingebunden.
Sichtbarkeit über die Region hinaus
Die Mobilitätsforschung der Hochschule Mittweida ist bereits jetzt überregional sichtbar. So steht die Hochschule bspw. in engem Austausch mit dem Nürburgring. Langjährige Erfahrungen im Bereich Fahrzeugmessung kommen hier dem Mofosa-Projekt unmittelbar zugute.
Über MofoSa
Die ESF-Nachwuchsforschergruppe Mobility for Saxony (MofoSa) wird an der Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften der Hochschule Mittweida bearbeitet. Ziel des Vorhabens ist die Erhebung eines sächsischen Mobilitätsdatensatzes für den kleinstädtischen und ländlichen Raum sowie die Qualifizierung der beteiligten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im Rahmen von Promotionsvorhaben. Beteiligte Professoren sind Prof. Dr. Christian Roschke, Prof. Dr. Matthias Baumgart, Prof. Dr. Marc Ritter und Prof. Dr. Matthias Vodel. Laufzeit: 01.11.2025 – 30.10.2028.
Das Vorhaben wird mitfinanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) und des Freistaates Sachsen.
Wenn Sie mehr über das Projekt, die Ergebnisse und das Living Lab lernen wollen, wenden Sie sich gern an Prof. Dr. Matthias Vodel, Tel. +49 3727 58-1010, E-Mail: vodel@hs-mittweida.de.
Weitere Informationen zum Projekt Mobility for Saxony finden Sie unter: https://mofosa.hs-mittweida.de/